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Mit Informatik der Abstammung und Entstehung von Texten auf der Spur

Nummer 183/2012 vom 16. Oktober 2012
Eine der zentralen Aufgaben der Editionsphilologie besteht im Auffinden von Differenzen bei Textvarianten - sowohl im Hinblick auf die Abstammung von Varianten eines Textes als auch auf die Entstehung von Texten, die starke Überarbeitungsprozesse erfahren haben. Bei einem Teil dieser Untersuchungen können die Philologen durch informationstechnologische Methoden effektiv unterstützt werden. Ein entsprechendes Forschungsprojekt der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) hat jetzt im Rahmen des Programms „eHumanities“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) eine Förderbewilligung über drei Jahre erhalten.

Das Projekt ist an der Schnittstelle von Informatik und Philologie angesiedelt. Sein Titel lautet „Semiautomatische Differenzanalyse von komplexen Textvarianten“. Antragsteller und zugleich Projektleiter sind die Informatiker Prof. Dr. Paul Molitor und Dr. Jörg Ritter (Projektkoordinatoren), der Romanist Prof. Dr. Thomas Bremer und der Altgermanist Prof. Dr. Hans-Joachim Solms. Das Fördervolumen liegt bis August 2015 bei rund 630.000 Euro. Im Zentrum des Projekts steht das Herausarbeiten von Teilprozessen der philologischen Arbeit zur Abstammung und Textgenese und die Entwicklung entsprechender an das jeweilige Textcorpus angepasster Methoden.

„Am Ende des Projekts sollen möglichst generische informationstechnologische Werkzeuge zur Verfügung stehen“, erklärt Molitor. Dazu haben sich die Antragsteller bewusst für Textcorpora aus unterschiedlichen Jahrhunderten (15./16. und 18. Jahrhundert) und in unterschiedlichen Sprachen (deutsch und französisch) entschieden, an denen sie die Fragestellungen exemplarisch verfolgen wollen.

Die Arbeitsgruppe um Professor Hans-Joachim Solms analysiert die „Wundarznei“ des Heinrich von Pfalzpaint, die im Jahr 1460 wohl auf der Marienburg im damaligen Preußen verfasst wurde. Der Deutschordensritter Pfalzpaint war dort während der jahrelangen Belagerung als Wundarzt tätig und schrieb aus dieser Praxis heraus eines der berühmtesten medizinischen Lehrbücher des Spätmittelalters. Bislang sind elf handschriftliche Überlieferungen bekannt, von denen zehn verfügbar sind. Keine der Handschriften zeigt wörtliche Übereinstimmung mit einer anderen. In Vorbereitung auf die geplante Neuedition des Gesamtbestandes müssen die einzelnen Überlieferungen verglichen und ihre Beziehung zueinander geklärt werden. Um dies zu ermöglichen, bedarf es einer computergestützten Auswertung der Handschriftenteile, die fundierte Aussagen ermöglichen.

Professor Thomas Bremer widmet sich mit seiner Arbeitsgruppe in der Romanistik einem französischen Text: „Histoire philosophique et politique des établissements et du commerce des Européens dans les deux Indes“ von Guillaume Thomas François Raynal ist eines der einflussreichsten Erfolgs- und Skandalbücher des europäischen 18. Jahrhunderts, überall verboten, illegal nachgedruckt, übersetzt und in ganz Europa leidenschaftlich diskutiert. Sein Inhalt ist die kritische Darstellung der europäischen Kolonialexpansion sowohl im „östlichen“ Indien (Asien), als auch im „westlichen“ Indien (Karibik und Lateinamerika). Der Ur­sprungs­text aus dem Jahre 1770 wurde vom Autor später mehrmals erweitert und radikalisiert. Gerade darauf beruht die Wirkungsgeschichte dieses Werkes, das als eines der zentralen Texte der europäischen Aufklärung gilt. Die Schwierigkeit der textphilologischen Rekonstruktion besteht darin, die ursprünglichen Textteile in einem partiell neuen Textkontext aufzufinden, wobei Textumstellungen die Konstitution der Varianten zusätzlich erschweren.

Nachdem die Informatik der MLU mit der Einführung der Bioinformatik im Jahre 1999 bereits Pionierarbeit geleistet hat, ist mit diesem Projekt ein erster Pfeiler der Brücke zwischen der hiesigen Informatik und den Geisteswissenschaften geschlagen worden, eine Brücke, die bisher nur an sehr wenigen Universitäten zu finden ist. Ein zweiter Pfeiler der Brücke ist im Bau: Das BMBF hat die Arbeitsgruppe um Molitor und Ritter zusammen mit dem Trier Center for Digital Humanities und dem Deutschen Literaturarchiv Marbach aufgefordert, ihren Vorantrag zu „Vernetzten Korrespondenzen Deutscher Schriftsteller im Exil“ als Vollantrag einzureichen.

Weitere Details zu dem Projekt:
http://www.informatik.uni-halle.de/SaDA

Projekt-Daten
Projektkürzel: 01UG1247 / human-325-010 / SaDA
Projektlaufzeit: 1.09.2012 bis 31.08.2015

 

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