Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Christina von Hodenberg forscht zurzeit in Halle. Foto: Michael Deutsch
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Humboldt-Preisträgerin holt wertvolle Quellen der Altersforschung an die Universität Halle

Nummer 059/2015 vom 22. Mai 2015
Die älteste und umfangreichste auf Tonträgern erhaltene deutsche Sammlung biografischer Interviews befindet sich nun an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU): Die verloren geglaubten Daten der international weit beachteten Bonner Gerontologischen Längsschnittstudie, kurz Bolsa, wurden von 1965 bis 1981 erhoben. Der Transfer der Unterlagen - Akten und Tonbänder - nach Halle wurde durch die renommierte Historikerin und Humboldt-Preisträgerin Prof. Dr. Christina von Hodenberg von der Queen Mary University London ermöglicht, die zurzeit im Rahmen eines Forschungsaufenthalts in Halle arbeitet. Die Daten sollen nun digitalisiert und erstmals von Historikern ausgewertet werden.

Anderthalb Tonnen an Akten und 600 Tonbänder und statistische Daten: Zu verdanken ist der Fund und der Transfer der Bolsa-Daten Prof. Dr. Christina von Hodenberg, die mit Unterstützung der Mittel aus dem Humboldt-Forschungspreis der Alexander von Humboldt-Stiftung ihren Arbeitsplatz für ein Jahr von London nach Halle verlegt hat. Sie forscht am Institut für Geschichte zum Wandel der Generationenbeziehungen in Westdeutschland seit den 1950er Jahren. Ihr wissenschaftlicher Gastgeber dort ist Prof. Dr. Patrick Wagner.

Auf die Originaldokumente stieß sie während der Quellenrecherche für ihr Projekt. „Dass die zugehörigen Rohdaten noch fast vollständig vorhanden sind, ist eine kleine Sensation", sagt Christina von Hodenberg. Üblicherweise würden diese spätestens mit der Emeritierung eines Professors vernichtet. Dass dieser Fall anders verlief, lag daran, dass ein früherer Mitarbeiter einer der Studienleiter - der Altersforscherin und späteren Bundesgesundheitsministerin Prof. Dr. Ursula Lehr -, es nicht übers Herz gebracht habe, sich von den Dokumenten und Tonbändern zu trennen und diese jahrzehntelang an der Universität Heidelberg aufbewahrte. Dort spürte sie die Historikerin auf, nachdem sie von der Existenz der Originaldaten in einer Fußnote einer wissenschaftlichen Arbeit erfahren hatte.

Die Bonner Gerontologische Längsschnittstudie war wegweisend für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Altern und die Gerontologie in der Bundesrepublik. 222 Männer und Frauen der Geburtsjahrgänge 1890 bis 1895 sowie 1900 bis 1905 wurden bis zu ihrem Tode an zu acht verschiedenen Zeitpunkten medizinisch und psychologisch getestet. Außerdem führten Psychologen mit ihnen stundenlange Interviews zu ihrer Lebensgeschichte. Ganz bewusst hatte man als Teilnehmer Menschen aus der Unter- und Mittelschicht ausgesucht. Sie gaben auch Auskunft zu - für die damalige Zeit - eher schwierigen Themen: Aspekte des Alterns, der Umgang mit Krieg und Tod finden sich in den Interviews ebenso wie Schilderungen von Sexualität. „Die Studie ist auch für die heutige Wissenschaft immer noch sehr interessant. Vor allem, weil sie unter vielen möglichen Aspekten ausgewertet werden kann", sagt von Hodenberg.

Die Daten sollen nun digitalisiert werden, um sie online Wissenschaftlern auf der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen. Um dieses Ziel zu realisieren, arbeitet Christina von Hodenberg mit dem Historischen Datenzentrum Sachsen-Anhalt, das an der MLU angesiedelt ist, zusammen. Um dafür finanzielle Mittel einzuwerben, wird derzeit ein Antrag an die Deutsche Forschungsgemeinschaft formuliert. Im September 2015, schätzt von Hodenberg, soll über die Mittelzuweisung entschieden werden. Dann wird die Humboldt-Preisträgerin zwar bereits wieder an der Londoner Queen Mary University forschen und lehren. „Aber ich werde regelmäßig zu Arbeitstreffen nach Halle kommen", so von Hodenberg.

Christina von Hodenberg ist Professorin für Europäische Geschichte an der Queen Mary University of London. Nach dem Studium in Bonn, München und Bielefeld war sie Assistentin am Historischen Seminar der Universität Freiburg, John F. Kennedy Fellow an der Harvard University und Visiting Associate Professor an der University of California in Berkeley. Ihre ersten zwei Bücher zur preußischen Geschichte des 19. Jahrhunderts behandelten den schlesischen Weberaufstand sowie die Rolle der preußischen Richter in der Revolution 1848/49. Im Jahr 2006 erschien ihre Studie "Konsens und Krise" zur Mediengeschichte Westdeutschlands zwischen 1945 und 1973. Danach wandte sie sich der Wirkungsgeschichte des Mediums Fernsehen zu. Ihr neues Buch zur Bedeutung des Unterhaltungsfernsehens für den Wertewandel der 1970er Jahre vergleicht Großbritannien, Westdeutschland und die USA. Es erscheint im Juli 2015.

Mit dem Humboldt-Forschungspreis werden durch die Alexander von Humboldt-Stiftung Wissenschaftler für ihr Gesamtschaffen ausgezeichnet, deren grundlegende Entdeckungen das eigene Fachgebiet nachhaltig geprägt haben und von denen weitere Spitzenleistungen erwartet werden. Die Preisträger können selbst gewählte Forschungsvorhaben in Deutschland in Kooperation mit Fachkollegen für einen Zeitraum von bis zu einem Jahr durchführen. Der Preis ist mit 60.000 Euro dotiert.

 

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