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Keine Inflationserwartungen: Hallesche Forscher untersuchen deutschen Weg aus der Großen Depression

Nummer 001/2016 vom 05. Januar 2016
Der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands von 1932 bis 1936 steht im Zentrum eines gemeinsamen Forschungsprojekts, das Wirtschaftswissenschaftler der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) in Kooperation mit Forschern der Universitäten Dortmund und Bonn bearbeiten. Gefördert wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über drei Jahre mit rund 416.000 Euro – knapp 192.000 Euro davon gehen an die MLU. Die Erkenntnisse aus dem Projekt könnten auch dabei helfen, aktuelle ökonomische Probleme zu bewältigen.

Die Finanzmarktkrise von 2007 und die Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre haben einige Gemeinsamkeiten: Beide Krisen dauerten mehrere Jahre an und trafen u.a. Deutschland und die USA - zwei wirtschaftliche Großmächte - besonders hart. Während der Weltwirtschaftskrise stieg die Arbeitslosenquote auf bis zu 33 Prozent an. "Die Zentralbanken konnten die Zinsen nicht weiter senken, um die Wirtschaft anzukurbeln, da sie sich praktisch schon auf einem Nullniveau befanden", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Alexander Kriwoluzky von der MLU.

Die Regierungen in Deutschland und den USA reagierten trotz der wirtschaftlichen Gemeinsamkeiten ganz unterschiedlich auf die Krise: In den USA wurden Inflationserwartungen geschürt. Dazu gehörte auch die Entscheidung, den Dollarkurs vom Goldpreis zu entkoppeln und den Dollar so zu entwerten. "In den USA wollte man alles dafür tun, dass die Preise steigen und sich die Wirtschaft erholt", so Kriwoluzky. Mit Erfolg: Durch den "New Deal", ein umfangreiches Wirtschafts- und Sozialreformprogramm, erholte sich die US-Wirtschaft langsam.

Der Ausweg der USA aus der Krise sei bereits gut erforscht, sagt Kriwoluzky. Darum sind Zentralbanken und Politiker weltweit davon überzeugt, dass die Erhöhung der Inflationserwartungen alternativlos auch in der derzeitigen Krisensituation ist. Dabei wird übersehen, dass Deutschland damals einen anderen Weg einschlug: "Es gab ein Land auf der Welt, in dem man damals nicht sagen konnte, dass es Inflation geben wird: Deutschland", so der Ökonom. Die Bevölkerung hatte große Angst vor einer erneuten Hyperinflation, wie sie bereits 1923 aufgetreten war. Hitler habe sogar angekündigt, die Preise notfalls mit Gewalt niedrig zu halten. Gleichzeitig konnten die Nationalsozialisten nach der Machtergreifung 1933 auch nicht ankündigen, sie würden das deutsche Militär wieder aufrüsten und durch entsprechende Aufträge die Wirtschaft fördern - dies hätte gegen den Vertrag von Versailles verstoßen.

Obwohl also in Deutschland eine ganz andere Finanzpolitik betrieben wurde, erholte sich auch hier die Wirtschaft - teilweise sogar stärker und schneller als in den USA. "Es gibt offenbar noch einen zweiten Mechanismus, um Krisen zu überwinden - sogar ohne hohe Inflationserwartungen", sagt Kriwoluzky. Genau diesen will er mit seinen Kollegen aus Dortmund und Bonn erforschen. Im Zentrum des Projekts stehen dabei die Erwartungen der Bevölkerung und der Unternehmen an die Politik und die zukünftige Entwicklung ihres Landes. Diese hätten, so Kriwoluzky, einen viel größeren Einfluss als bisher häufig angenommen. Dazu werden die Wissenschaftler Angaben aus konjunkturstatistischen Handbüchern auswerten, Zeitungsartikel von damals analysieren und in den Betriebsarchiven mehrerer Unternehmen nach weiteren Quellen suchen, etwa bei den Firmen Auto Union, Bayer und Siemens. Anhand von Protokollen aus den Vorstandssitzungen wollen die Wissenschaftler nachvollziehen, welche politischen Entwicklungen die Wirtschaft erwartete.

Ein Teil der Forschungsarbeit widmet sich auch den Großprojekten der NS-Regierung. "Es gibt die Behauptung, dass Hitler vor allem durch den Bau von Autobahnen zur Genesung der Wirtschaft beigetragen hätte", so Kriwoluzky. Bereits frühere Studien anderer Ökonomen hätten aber gezeigt, dass die Autobahnaktivitäten der Nationalsozialisten keinen großen Einfluss auf die Wirtschaft hatten, sondern lediglich Propagandaerfolge waren.

Die Erkenntnisse aus dem Projekt, das im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms "Erfahrung und Erwartung. Historische Grundlagen ökonomischen Handelns" gefördert wird, könnten auch neue Alternativen für die aktuelle Politik liefern: "Wenn wir verstehen, wie der Wirtschaftsaufschwung damals vorangetrieben wurde, können wir daraus möglicherweise auch neue Handlungsvorschläge für die heutige Zeit entwickeln", sagt Kriwoluzky.

 

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