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Tagung der Transferwissenschaften – Segen und Fluch „kommunikativer Unerreichbarkeit“

Nummer 217/2009 vom 08. September 2009
Die Informationsflut und veränderte Kommunikationsformen sind Kennzeichen der modernen Gesellschaft. Mit diesem Themengebiet beschäftigen sich die Transferwissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Georg-August-Universität Göttingen. Vom 21. bis 23. September findet in Halle eine Tagung unter dem Titel „Wissenstransfer in Zeiten von Fundamentalismen – ‚Unerreichbarkeit’ als gesellschaftliche Herausforderung“ statt. Unerreichbarkeit meint dabei den Rückzug der Menschen aus Kommunikations- und Wissenszusammenhängen, Gesellschaftsverbänden oder der Familie. Die Wissenschaftler beschäftigen sich auch mit der Frage, die sich PR-Agenturen und die Werbung in ganz praktischer Hinsicht stellen: Wie sag ich‘s meinem Kinde? Wie bring ich‘s rüber?

„Kommunikation ist eine Leitwährung geworden", sagt Prof. Dr. Gerd Antos. „Mittels Sprache vermitteln wir anderen Menschen Wissen", beschreibt der Sprachwissenschaftler den Forschungsschwerpunkt der Transferwissenschaften und den Zusammenhang zwischen Kommunikation und Wissen. Der Wissenstransfer wird jedoch auf Grund veränderter Kommunikationsformen in der Moderne zunehmend als Problem gesehen.

Früher hörte man am Brunnen, auf dem Marktplatz, im Kreis der Familie oder in der Kneipe - „was gerade angesagt" war. Heute sind es das Internet, das Fernsehen, Foren oder das Handy, die Neuigkeiten verbreiten. Manche werden davon süchtig; andere entziehen sich dem kommunikativen Druck, den sie inzwischen als Fluch empfinden. „Die durch heutige Kommunikation erzeugte Überkomplexität unserer Welten erhöht in modernen Gesellschaften bei einer wachsenden Zahl von Gruppen und Individuen die Bereitschaft, sich nicht nur zurückzuziehen, sondern sich in unterkomplexe Fundamentalismen aller Art zu flüchten", so Gerd Antos. „Ziel ist oft die Illusion ,kommunikativer Autarkie', wie sie uns heute in Esoterik, Internet-Foren, religiösen Zirkeln oder im ,second life' begegnen", erklärt der Sprachwissenschaftler.

Auf der Tagung stehen solche Formen der „kommunikativen Unerreichbarkeit" im Mittelpunkt wissenschaftlicher Betrachtungen. „Wir versuchen den verschiedensten Wegen des Zugangs zu Wissen von unterschiedlichen Adressaten und unter wechselnden Rahmenbedingungen nachzugehen", so Gerd Antos, der diesmal die Tagung in Halle organisiert.

In diesem Jahr gibt es außerdem etwas Besonderes zu feiern: Prof. Dr. Sigurd Wichter von der Universität Göttingen, der 1999 dieses Forschungsgebiet mitbegründetet hat, wird für seine Leistungen anlässlich seiner Emeritierung gewürdigt. Vorgestellt werden dabei auch die mittlerweile sieben Bände, die aus den bisherigen Kolloquien dazu entstanden sind. Die Resonanz - nicht zuletzt im Ausland - zeigt, dass sich das Anliegen der Transferwissenschaften langsam, aber stetig herumzusprechen scheint.

Die Forschungen im Bereich der Transferwissenschaften sind transdisziplinär angelegt. Disziplinen wie die Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft, die Didaktik sowie die Pädagogik beschäftigen sich damit. Die Transferwissenschaften analysieren Prinzipien, Wege und Strategien des Zugangs zu Wissen und gehen der Produktion, Verteilung, vor allem aber der Vermittlung von Wissen auf den Grund.

 

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