Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Psychologie: Studie zeigt Grenzen des Multitasking

Nummer 020/2026 vom 11. März 2026

Selbst mit viel Training gelingt es dem menschlichen Gehirn nicht wirklich, zwei Aufgaben parallel durchzufĂŒhren. Zudem können bereits kleinste Abweichungen von der erlernten Routine starke Folgen darauf haben, wie schnell und erfolgreich Menschen Aufgaben gleichzeitig erledigen. Das zeigt eine neue Studie der Martin-Luther-UniversitĂ€t Halle-Wittenberg (MLU), der FernUniversitĂ€t in Hagen und der Hamburg Medical School. Sie erschien kĂŒrzlich im „Quarterly Journal of Experimental Psychology“.

In drei Experimenten untersuchten die Forscher, wie Menschen zwei Aufgaben gleichzeitig bewĂ€ltigen, die unterschiedliche Sinne ansprechen: Zum einen sollten sie mit der rechten Hand die GrĂ¶ĂŸe eines kurz eingeblendeten Kreises anzeigen und zum anderen sagen, ob ein gleichzeitig eingespielter Ton hoch, mittel oder tief ist. Dabei wurde gemessen, wie schnell die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Aufgaben absolvierten und wie viele Fehler sie dabei machten. Die Aufgaben wurden bis zu zwölf Tage lang wiederholt. Dabei zeigte sich: Je hĂ€ufiger die Versuchspersonen den Test absolvierten, desto schneller gelang es ihnen, beide Aufgaben fehlerfrei zu lösen. FrĂŒhere Studien mit Ă€hnlichen Befunden hatten deshalb nahegelegt, dass sogenannte Doppelaufgaben-Kosten, also Leistungseinbußen beim gleichzeitigen Bearbeiten zweier Aufgaben, mit viel Übung fast vollstĂ€ndig verschwinden könnten. „Dieses als Virtually Perfect Time Sharing bekannte PhĂ€nomen galt lange als Hinweis auf echte Parallelverarbeitung im Gehirn und als Nachweis dafĂŒr, dass unser Gehirn grenzenlos multitaskingfĂ€hig ist. Die Ergebnisse unserer Studie widersprechen dieser Annahme deutlich“, sagt der Psychologe Prof. Dr. Torsten Schubert von der MLU.

Die Studie zeigt nĂ€mlich auch, dass die zugrunde liegenden kognitiven Prozesse weiterhin nicht vollstĂ€ndig parallel ablaufen. Und: Bereits kleinste VerĂ€nderungen an den Aufgaben sorgten dafĂŒr, dass die Fehlerquote stieg und die Versuchsteilnehmerinnen und -teilnehmer wieder lĂ€nger brauchten, um die Aufgaben zu lösen. „Unser Gehirn ist sehr geschickt darin, Prozesse hintereinander zu reihen, sodass sie sich nicht mehr stören. Allerdings hat diese Optimierung ihre Grenzen. In besonders herausfordernden Situationen ermĂŒdet unser kognitiver Apparat daher sehr schnell und wird fehleranfĂ€llig“, so Schubert weiter.

Die Studie liefert auch neue Impulse fĂŒr die Sicherheitsforschung. „Unsere Ergebnisse zeigen, warum Multitasking im Alltag trotz Routine oft riskant sein kann, zum Beispiel beim Autofahren und gleichzeitigen Telefonieren. Das ist auch fĂŒr Berufe mit komplexen TĂ€tigkeiten relevant, bei denen mehrere Aufgaben parallel erledigt werden mĂŒssen, zum Beispiel Fluglotsen oder SimultanĂŒbersetzer“, so Prof. Dr. Tilo Strobach von der Medical School Hamburg. Prof. Dr. Roman Liepelt von der FernUniversitĂ€t in Hagen ergĂ€nzt: „Unsere Studie rĂŒckt die Grenzen menschlicher Informationsverarbeitung in ein neues Licht. Das VerstĂ€ndnis solcher kognitiven EngpĂ€sse ist entscheidend, um Arbeitsprozesse, Lernumgebungen und auch Sicherheitsmaßnahmen im Alltag besser gestalten zu können.“

Studie: Schubert, T., Liepelt, R., & Strobach, T. Evidence for a latent bottleneck after extensive dual-task practice of a visual-manual and an auditory-verbal task. Quarterly Journal of Experimental Psychology (2025). doi: 10.1177/17470218251396870

 

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