Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

In dem Dom können die Besucher einen simulierten Ballonflug erleben.
Foto: Marcello Marini / ETH Zürich
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Das Auge entscheidet mit: Wie sich geplante Offshore-Windparks besser darstellen lassen

Nummer 183/2018 vom 11. Dezember 2018
In manchen Küstenregionen prägen Offshore-Windenergieanlagen den Ausblick aufs Meer. Grundsätzlich akzeptieren Anwohner und Touristen die Anlagen stärker, wenn sie sich harmonisch in das Landschaftsbild einfügen. Gerade interaktive und lebensnahe Präsentationen der geplanten Anlagen können im Vorfeld helfen, Vorbehalte und Bedenken abzubauen. Wie diese Präsentationsformen aussehen können, haben Forscher der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), der Technischen Universität München (TUM) und der ETH Zürich untersucht. Hierfür verwendeten sie im Rahmen einer Feldstudie einen von der ETH entwickelten einmaligen Visualisierungsdom. Der Projektbericht liegt nun vor.

Entlang der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern sind weitere Offshore-Windparks in Küstennähe geplant. Diese Pläne stoßen bei Anwohnern und Touristen auf unterschiedliche Reaktionen. "Prinzipiell werden Offshore-Windräder sowohl von den Anwohnern als auch von Touristen mehrheitlich akzeptiert. Allerdings gibt es die Sorge, dass die Windparks das Landschaftsbild stören", sagt die Sozial- und Umweltpsychologin Prof. Dr. Gundula Hübner. Gemeinsam mit Dr. Johannes Pohl forscht sie an der MLU seit vielen Jahren zur Akzeptanz von Windenergieanlagen. In früheren Studien hatten sie bereits gezeigt, dass sich die Akzeptanz der Projekte steigern lässt, wenn die Bevölkerung frühzeitig über geplante Bauvorhaben informiert und in die Planung einbezogen wird.

In ihrem jetzigen Projekt wollten die Forscherinnen und Forscher herausfinden, wie die Bevölkerung stärker in die Planung einbezogen werden kann, welche Präsentationsformen der Bauvorhaben besonders dafür geeignet sind und wie eine breitgefächerte Akzeptanzanalyse möglich ist. Ziel war es, ein neuartiges Instrumentarium zu entwickeln, welches auch in anderen Projekten eingesetzt werden kann.

"Bislang kamen neben Postern und Tischmodellen zwar auch andere Visualisierungen zum Einsatz, die aber nur auf Bildschirmen gezeigt wurden", so Hübner. Andere Visualisierungsdome waren dagegen nicht transportabel und 3D-Brillen hätten den Nachteil, dass man den Menschen nicht in die Augen schauen kann, während man sich über das Gesehene austauscht. Gemeinsam mit der ETH Zürich entwickelten die Forscher ein neues Format: Sie richteten in einem Kuppelzelt eine Art 180-Grad-Kino ein, in das die Besucher gehen und verschiedene Varianten der Windparks interaktiv und realitätsnah erfahren konnten. "Der Visualisierungsdom ermöglicht ein Landschaftspanorama, bei dem die Meeresblicke zu verschiedenen Tageszeiten, aus unterschiedlichen Sichtweiten und unter verschiedenen Wetterbedingungen simuliert werden können", erklärt Hübner. In einem virtuellen Ballonflug war es den Besuchern sogar möglich, über die Windparks zu fliegen. Wesentlicher Unterschied zur bisherigen Praxis war zudem, dass unterschiedliche Planungsvarianten entwickelt wurden, die einen besonderen Bezug zur Landschaft boten - und sich gleichzeitig an die realen Planungsbedingungen hielten. Die Besucher bewerteten diese Varianten. Zusätzlich erhielten sie Informationen zu verschiedenen Aspekten der Bauvorhaben, wie Planungsregeln, Energieeffizienz und Naturschutzvorgaben. Kern des Projekts war die Befragung von Anwohnern und Touristen in Warnemünde und Zingst.

In der Auswertung zeigte sich: Je besser die Windparks mit der Landschaft verbunden waren, desto positiver werden sie bewertet. Speziell die Entwürfe, bei denen die Windränder von bestimmten Aussichtspunkten aus gesehen stets hintereinander erscheinen, wurden von den Befragten positiver bewertet. Die interaktiven Visualisierungen im Dom stießen zudem auf großes Interesse: Sie wurden als anschaulicher und hilfreicher als Poster bewertet. Nahezu alle Besucherinnen und Besucher würden einen Besuch empfehlen. Für eingeladene Experten war der Dom ein hilfreiches Planungsinstrument, welches zur Meinungsbildung und Partizipation beitrage.

Die Psychologen betonen, dass es für den Erfolg derartiger Bauprojekte nötig ist, die Bevölkerung vor Ort frühzeitig mit Informationen und auch lebensnahem Anschauungsmaterial zu versorgen. Denn, so Hübner: "Sobald Einstellungen entstehen, lassen sich diese später kaum verändern. Daran ändert auch der Besuch des Visualisierungsdoms nicht mehr signifikant etwas. Stattdessen werden dadurch viel eher die Vormeinungen bestärkt."

Auch wenn es Herausforderungen für das heute geltende Planungsrecht und die etablierte Planungskultur bedeuten dürfte: Mit interaktiven Visualisierungen bereits in frühzeitigen Planungsstadien könnten Planungsprozesse optimiert werden, sind sich die Psychologen sicher. "Die Visualisierungen sollten immer reale Umwelterfahrungen zulassen, also auch Sichtverhältnisse bei unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten und Geräusche", sagt Hübner. Weil die landschaftliche Gestaltung von Projekten deren Akzeptanz beeinflusst, sollte das Planungsinstrumentarium auch qualitative Landschaftsanalysen beinhalten, anhand derer machbare Planungsvarianten mit landschaftlichem Bezug abgeleitet werden. Auch ausführliche Hintergrundinformationen sollten weiter vermittelt werden.

Gefördert wurde das Projekt von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern. Tatkräftig unterstützt wurde es zudem vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, dem WindEnergy Network und dem Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD in Rostock.

 

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