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(Cyber-)Bullying: Eine Frage der Gerechtigkeit

Nummer 190/2019 vom 20. November 2019
Im Internet herrschen andere Voraussetzungen als auf dem Schulhof. Körperliche Stärke spielt keine Rolle mehr, durch Anonymität ist keine Strafe zu befürchten. Die Mechanismen, die sowohl online als auch offline zu Bullying führen, sind jedoch ganz ähnlich. Das zeigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Institut für Pädagogik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). Sowohl Tätern als auch Opfern fehlt das Vertrauen in eine gerechte Welt.

"Cyber-Bullying ist viel weniger zeit- und ortsgebunden", sagt Dr. Matthias Donat. Klassisches Bullying findet auf dem Schulhof oder im Klassenzimmer statt. Zu Hause haben die Schüler, die schikaniert werden, normalerweise Ruhe. Beim Cyber-Bullying ist das anders. "Sobald ich das Smartphone in die Hand nehme, geht das Bullying weiter", sagt Donat. Ganz klar trennen ließen sich online und offline jedoch nicht, so Donat. Schließlich hat heute fast jeder Schüler ein Smartphone. Es gebe allerdings Unterschiede. So komme es im Internet nicht auf körperliche Stärke an. Teilweise verschwinden dort die Grenzen zwischen Tätern und Opfern. Es gebe auch Bullying-Opfer, die sich online rächen. Dennoch gingen er und seine Kolleginnen von der Abteilung pädagogische Psychologie am Institut für Pädagogik der MLU davon aus, dass die dahinterliegenden Mechanismen ähnlich sind.

In früheren Studien konnten sie zeigen, dass der sogenannte Gerechte-Welt-Glaube eine wichtige Rolle für Offline-Bullying spielt. "Wir verstehen den Gerechte-Welt-Glauben als Persönlichkeitsmerkmal, das sich bereits in der Kindheit entwickelt", so Donat. Es gehe um die Überzeugung, dass jeder bekommt, was er verdient und verdient, was er bekommt. Schüler, die nicht an eine gerechte Welt glauben, neigen eher dazu, andere zu schikanieren. Umgekehrt ist aber auch bei Bullying-Opfern der Glaube an eine gerechte Welt schwach ausgeprägt. Diesen Zusammenhang konnten die Forscher in ihrer aktuellen Studie auch für den Online-Bereich zeigen. Dafür wurden über 1.000 Schüler der achten Klasse aus verschiedenen Schulformen zu ihrer Internetnutzung sowie zu ihrem Cyber-Bullying-Verhalten beziehungsweise ihren Erfahrungen befragt. Neben dem Gerechte-Welt-Glauben wurden auch weitere Persönlichkeitsmerkmale, etwa Empathie, abgefragt. "Sowohl bei Tätern als auch Opfern von Cyber-Bullying ist der Glaube an eine gerechte Welt gering", sagt Donat. "Wir erklären uns das aber unterschiedlich." Die Ergebnisse der Studie zeigen nämlich auch, dass Täter sich vor allem von Lehrkräften ungerecht behandelt fühlen, Opfer jedoch von ihren Mitschülern.

Einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen Gerechte-Welt-Glaube und Bullying herzustellen, sei aufgrund des Studiendesigns jedoch schwierig. Dafür bräuchte es aufwändige Langzeitstudien. "Wir gehen von wechselseitigen Beziehungen aus", sagt Donat. Denn auch wenn sich der Gerechte-Welt-Glauben in der Kindheit zu entwickeln beginnt, konnten Studien bereits zeigen, dass er sowohl erschüttert als auch gestärkt werden kann. Um Bullying in Schulen zu vermeiden, schlagen die Forscher daher vor, dass Lehrer im Klassenzimmer besonders auf Gerechtigkeit achten sollen. "Fühlen Schüler sich von ihren Lehrern gerecht behandelt, neigen sie weniger zu Bullying", so Donat. Das helfe auch den Opfern. Lehrer sollten außerdem darauf achten, dass sich die Schüler gegenseitig gerecht behandeln, und mit ihnen über Gerechtigkeit und das subjektive Empfinden von Gerechtigkeit sprechen.

 

Über die Studie: Donat et al. Unjust behaviour in the digital space: the relation between cyber-bullying and justice beliefs and experiences. Social Psychology of Education (2019). doi: 10.1007/s11218-019-09530-5

 

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