Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

"Science"-Studie zeigt Defizite bei Wald- und Klimaschutzprogramm REDD+

Nur eines von fĂŒnf Projekten erzielt behauptete Wirkung.

Nummer 119/2025 vom 10. Oktober 2025

Viele Projekte im Rahmen des Klima- und Waldschutzprogramms REDD+ erzielen nicht die gewĂŒnschte Wirkung. Das zeigt eine Analyse von 52 REDD+-Initiativen, deren Ergebnisse im Fachjournal "Science" veröffentlicht wurden. An der Auswertung war auch Prof. Dr. Jonathan Chase vom Deutschen Zentrum fĂŒr integrative BiodiversitĂ€tsforschung (iDiV) und von der MLU beteiligt. REDD+ ist ein Programm, bei dem LĂ€nder Geld dafĂŒr erhalten, dass sie ihre WĂ€lder erhalten und damit das Klima schĂŒtzen; die Verrechnung erfolgt ĂŒber CO2-Gutschriften. Von den untersuchten Projekten konnte nur eine Minderheit der Projekte tatsĂ€chlich nennenswerte Erfolge bei der EindĂ€mmung der Entwaldung vorweisen.

Die Forschenden nutzten sogenannte „synthetische Kontrollmethoden“, um die tatsĂ€chliche Entwicklung in Projektgebieten mit hypothetischen Szenarien ohne Schutzmaßnahmen zu vergleichen. Diese GegenĂŒberstellung basiert auf Ă€hnlichen Regionen in 14 tropischen LĂ€ndern Lateinamerikas, Afrikas und SĂŒdostasiens, die vergleichbare Umwelt- und Sozialbedingungen aufweisen, jedoch keine REDD+-Projekte implementiert haben.

So konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler abschĂ€tzen, ob REDD+-Maßnahmen tatsĂ€chlich zur Verringerung der Entwaldung beigetragen haben – und ob die ausgestellten CO2-Gutschriften auf realen Klimanutzen beruhen.

„Unsere Analyse zeigt, dass das Problem echt ist – aber nicht unlösbar“, sagt Mitautor Prof. Dr. Jonathan Chase, Leiter der Forschungsgruppe BiodiversitĂ€tssynthese bei iDiv und der MLU. „Durch transparente Vergleichsgrundlagen lĂ€sst sich erkennen, welche Projekte wirklich etwas bewirken.“

Teilweise Erfolge, aber auch massive Überbewertungen

Etwa ein Drittel der Projektkomponenten (32 Prozent) zeigte deutlich geringere Entwaldung als erwartet – insbesondere einige Projekte in Brasilien schnitten positiv ab. Gleichzeitig verzeichneten fast 20 Prozent der Einheiten (11 von 66) sogar mehr Waldverlust als ihre VergleichsflĂ€chen. In rund 35 Prozent der Initiativen lagen die angegebenen Ausgangswerte fĂŒr Entwaldung deutlich ĂŒber den tatsĂ€chlichen Daten. Besonders auffĂ€llig: In Kolumbien wurde das Risiko der Entwaldung teils um das Zehnfache ĂŒberschĂ€tzt – ein klares Indiz fĂŒr ĂŒbermĂ€ĂŸige CO2-Gutschriften.

Das Team untersuchte 48 Projekte mit öffentlich zugĂ€nglichen Daten zu ausgestellten Gutschriften. Bis Ende 2022 wurden rund 228 Millionen CO2-Gutschriften vergeben, von denen 127 Millionen bereits zur Kompensation von Emissionen genutzt wurden. Doch nur etwa 35 Millionen dieser Gutschriften basieren laut Studie auf tatsĂ€chlich vermiedener Entwaldung – das entspricht lediglich rund 13,2 Prozent der handelbaren Gutschriften.

„Der Markt braucht Gutschriften, die halten, was sie versprechen“, betont Chase. „Wir schĂ€tzen, dass derzeit nur etwa jede achte Gutschrift echten Klimanutzen bringt. Mit besseren Ausgangsdaten, unabhĂ€ngiger Bewertung und vielfĂ€ltigen Projektportfolios lĂ€sst sich das Vertrauen wiederherstellen.“

REDD+ neu denken – statt abschaffen

Trotz der Kritik sieht das Forschungsteam in REDD+ weiterhin ein vielversprechendes Instrument im Kampf gegen den Klimawandel. Immerhin zeigten auch unterdurchschnittliche Projekte teilweise positive Effekte. Entscheidend sei, dass die REDD+-Maßnahmen sorgfĂ€ltig umgesetzt und wissenschaftlich fundiert bewertet werden. Ziel sei es nicht, REDD+ aufzugeben, sondern es so zu verbessern, dass jede ausgestellte CO2-Gutschrift einen echten Klimabeitrag leistet.

 

Studie: Tang Y. et al. Tropical forest carbon offsets deliver partial gains amid persistent over-crediting, Science (2025). doi: 10.1126/science.adw4094

 

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