Pharmazie: Neuer Arzneistoff-Kandidat gegen resistente Tuberkulose-Erreger
Die Tuberkulose ist eine der schwerwiegendsten Infektionskrankheiten weltweit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von rund acht Millionen Neuerkrankungen und ĂŒber einer Million TodesfĂ€lle allein im Jahr 2024 aus. âEine Lungenerkrankung durch Mycobacterium tuberculosis verlĂ€uft hĂ€ufig tödlich, wenn sie nicht mit antimykobakteriellen Medikamenten behandelt wirdâ, sagt Dr. Adrian Richter vom Institut fĂŒr Pharmazie der MLU, der seit mehreren Jahren an Wirkstoffen gegen Mykobakterien forscht.
Ein etabliertes Medikament gegen Tuberkulose ist Bedaquilin, das nach einem strengen Therapieschema ĂŒber mehrere Monate verabreicht wird. âBedaquilin hemmt die AktivitĂ€t der sogenannten ATP-Synthase des Erregers. Das ist ein komplexes Enzym, das fĂŒr die Energieproduktion in den Bakterien zustĂ€ndig ist. Wird dieses Enzym ausgeschaltet, stirbt das Bakterium abâ, erklĂ€rt Richter. Das Problem: Es treten bereits Resistenzen gegen das Antibiotikum Bedaquilin auf, obwohl es erst seit zehn Jahren breitere Anwendung findet.
Ein Team um Adrian Richter hat jetzt einen Wirkstoff synthetisiert, der das Potenzial hat, sogar gegen resistente Tuberkulose-Erreger eingesetzt zu werden. Auch er richtet sich gegen die ATP-Synthase der Bakterien, allerdings greift er eine andere Stelle des Enzyms an als Bedaquilin. âDie chemische Basis bilden sogenannte QuadratsĂ€ureamide. Die Verbindungen werden so bezeichnet, weil ihre Grundstruktur tatsĂ€chlich quadratisch ist. Ihr chemischer Aufbau ermöglicht es, verschiedene MolekĂŒlgruppen zu integrieren und die Eigenschaften in einer Art chemischem Finetuning gezielt zu verĂ€ndernâ, sagt Richter. An QuadratsĂ€ureamiden wird seit einigen Jahren geforscht, wegen metabolischer InstabilitĂ€t und ToxizitĂ€t gegenĂŒber Körperzellen sind die bisher synthetisierten Vertreter jedoch nicht als Arzneistoffe geeignet.
Der neue Wirkstoff mit dem Code PRP020 besitzt diese Nachteile nicht. Er ist der aussichtsreichste Kandidat aus vielen Varianten, die im Rahmen der Studie an der MLU hergestellt wurden. AnschlieĂende Tests sowohl an Tuberkulose-Bakterien als auch an isolierten ATP-Synthase-Enzymen der Bakterien bescheinigten PRP020 eine hohe Wirksamkeit. Weitere Untersuchungen zeigten darĂŒber hinaus, dass der Wirkstoff fĂŒr SĂ€ugetierzellen nicht toxisch ist und von Leberenzymen nur langsam abgebaut wird. UnterstĂŒtzt wurde das hallesche Team von Forschenden des Leibniz Lungenzentrums Borstel, des Helmholtz-Instituts fĂŒr Pharmazeutische Forschung Saarland sowie weiterer wissenschaftlicher Einrichtungen in Deutschland, den USA und Kanada.
Nach den erfolgreichen Vorarbeiten im Labor hoffen die Pharmazeutinnen und Pharmazeuten auf einen raschen Einstieg in die nĂ€chste Phase der Forschung: Versuche in Tiermodellen sollen zeigen, wie sich der Wirkstoffkandidat in einem lebenden Organismus verhĂ€lt. Erst danach kann er in klinischen Studien an Patientinnen und Patienten getestet werden. âWir sind optimistisch, aber wir mĂŒssen auch klar sagen: Ob aus unseren Substanzen ein marktreifes Medikament entwickelt werden kann, lĂ€sst sich vermutlich erst in einigen Jahren genauer sagenâ, erklĂ€rt Richter. Die Erprobung und Entwicklung neuer Medikamente sei ein komplexer, langwieriger und kostspieliger Prozess, der am Ende von der Pharmaindustrie durchgefĂŒhrt wird.
Die neuen Wirkstoffe auf QuadratsĂ€ureamid-Basis greifen indes nicht nur Tuberkulose-Erreger an. Adrian Richter hat auch weitere Mykobakterien im Blick, beispielsweise Mycobacterium avium. Dieser Keim, der von Natur aus gegen viele antibakterielle Stoffe resistent ist, nistet sich hĂ€ufig in der Lunge von Mukoviszidose-Patientinnen und -Patienten ein und verursacht dort schwere GewebsschĂ€digungen. âUnsere Tests zeigen zwar noch nicht die gleichen starken Effekte wie gegen Tuberkulose-Bakterien, aber der Angriff auf die ATP-Synthase von Mykobakterien ist generell vielversprechend. Diesen Weg werden wir weiterverfolgenâ, so Adrian Richter.
Die Arbeit wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, von der Gates Foundation, von den kanadischen Institutes of Health Research, im Rahmen des Programms âCanada Research Chairs Programâ sowie im Rahmen eines âHospital for Sick Childrenâ-Stipendiums und im Rahmen des Deutschen Zentrums fĂŒr Infektionsforschung gefördert.
Studie: Palme P.R. et al. Design, Synthesis, and Biological Evaluation of Mono- and Diamino-Substituted Squaramide Derivatives as Potent Inhibitors of Mycobacterial Adenosine Triphosphate (ATP) Synthase. Journal of Medicinal Chemistry (2025). doi: 10.1021/acs.jmedchem.5c02284
