Psychiatriegeschichte in der DDR: Forschungsprojekt zur Behandlung depressiver Menschen gestartet
In der DDR gab es lange Zeit keine Standards zur Behandlung depressiver Menschen. âEs fehlte an Medikamenten zur Behandlung von Depressionen. Neuere Methoden wie die Psychotherapie wurden vereinzelt in den 1980er Jahren etabliertâ, sagt die Historikerin Prof. Dr. Silke Satjukow. Sie leitet gemeinsam mit dem Medizinhistoriker Prof. Dr. Florian Bruns von der TU Dresden das neue DFG-Projekt.
AuĂerdem seien Depressionen nicht mit dem Menschenbild des Staats vereinbar gewesen, so Satjukow: âIn der DDR wurde ein Menschentyp propagiert, der höchste Leistungen und eine auĂerordentliche Motivation an den Tag legt. Dazu passten depressive Menschen mit Symptomen wie Traurigkeit und Antriebslosigkeit nicht.â
Die Konsequenz: Die Behandlung depressiver Menschen wurde der Historikerin zufolge zur Gemeinschaftsaufgabe erklĂ€rt, das Umfeld der Betroffenen sollte helfen und im Alltag unterstĂŒtzen. âIn der DDR zĂ€hlte es zu den gesellschaftlichen Erwartungen, dass sich die Gemeinschaft um ihre Mitglieder kĂŒmmert. Von der Familie bis ĂŒber den Betrieb wurden viele Menschen direkt in die Krankengeschichte der Betroffenen eingeweiht und dazu aufgefordert, sie im Alltag zu halten. Auch wenn es wie eine relativ moderne Idee klingt, das soziale Umfeld einzubeziehen, kam die konkrete Umsetzung einer FĂŒrsorgediktatur gleichâ, so Satjukow.
Gemeinsam mit ihrem Team möchte die Historikerin mehr darĂŒber erfahren, wie die Behandlung organisiert wurde und welche Rolle dabei Familienmitglieder oder Arbeitskolleginnen und -kollegen spielen sollten. Ausgewertet werden dafĂŒr die Akten der Klinik fĂŒr Psychiatrie und Neurologie der UniversitĂ€t Halle, die bis 1888 zurĂŒckreichen und fĂŒr die DDR-Zeit vollstĂ€ndig vorliegen. Diese Akten wurden zuvor aufwĂ€ndig restauriert, archivgerecht verpackt, um sie fĂŒr die Forschung nutzbar zu machen. âDie Klinik fĂŒr Psychiatrie und Neurologie der UniversitĂ€t Halle war aus mehreren GrĂŒnden besonders: Sie galt als Ă€uĂerst modern und international gut vernetzt. Zugleich wurden hier Menschen aus dem gesamten mitteldeutschen Raum behandelt â einerseits aus dem hochindustrialisierten Chemiedreieck, anderseits aus dem lĂ€ndlichen Raumâ, sagt Dr. Christian König vom Institut fĂŒr Geschichte und Ethik der Medizin der MLU, der ebenfalls am Projekt beteiligt ist.
Anhand der Unterlagen â die von den Forschenden nur anonymisiert bearbeitet werden â will sich das Team zunĂ€chst einen Ăberblick verschaffen: Wer wurde in der Klinik in Halle wegen Depressionen behandelt? Waren es mehr MĂ€nner oder Frauen, junge oder alte Menschen, kamen sie eher aus der Stadt oder vom Land? AnschlieĂend sollen die einzelnen FĂ€lle detailliert aufgearbeitet werden. In die Forschung flieĂen auch die Analyse entsprechender Gesetze und Direktiven der Regierung ein sowie wissenschaftliche FachbeitrĂ€ge aus DDR-Zeiten zur Behandlung depressiver Menschen.
An dem Projekt sind zudem beteiligt die Sigmund Freud Privat-UniversitÀt Wien und das UniversitÀtsarchiv der MLU.
