Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

MLU veröffentlicht Archiv zu Lebensgeschichten von Sowjetdeutschen

Nummer 059/2026 vom 23. Juni 2026

In Deutschland leben rund 2,5 Millionen sogenannte Russlanddeutsche. Einige haben noch den Zweiten Weltkrieg, die stalinistischen Deportationen und Zwangsarbeit in der Sowjetunion erlebt. Über ihre Erfahrungen ist wenig bekannt. Historikerinnen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) haben erstmals die Lebensgeschichten dieser Menschen gesammelt und als Archiv veröffentlicht. Das Material steht Forschenden, Medien und Kultureinrichtungen zur Verfügung.

Interviewt wurden für das Projekt Personen, die in deutschen Familien auf dem Gebiet der Sowjetunion geboren wurden und gelebt haben – und inzwischen in Deutschland leben. „Speziell die älteste Generation, die den Zweiten Weltkrieg oder die Nachkriegszeit, die stalinistische Diskriminierung und Deportationen miterlebt hat, kam bisher öffentlich kaum zu Wort. Dabei prägen ihre Erfahrungen ihre Identitäten und Einstellungen bis heute – und damit einen Teil unserer Gesellschaft“, sagt Dr. Anne Kluger vom Institut für Geschichte der MLU. Gemeinsam mit der Historikerin Alexandra Kenig erstellte die Forscherin das neue Archiv von Lebensgeschichten. Gefördert wurde das Projekt von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Das Archiv umfasst 17 ausführliche Interviews mit sowjetdeutschen Personen der Jahrgänge 1933 bis 1953 auf Deutsch und Russisch. Die Interviews ergeben zusammen rund 50 Stunden Audiomaterial, das transkribiert und in beide Sprachen übersetzt wurde. Die Interviewten berichten beispielsweise über ihr Aufwachsen in der Sowjetunion, über ihre Arbeitserfahrungen und ihr familiäres Umfeld. Auch die Ankunft in Deutschland ist Thema, ebenso aktuelle politische Themen wie der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine. Zu den Interviews hinzu kommen autobiografische Aufzeichnungen von zwei Personen, die in den 1920er Jahren geboren wurden, sowie Fotos, Behördendokumente, Zeichnungen und weitere persönliche Erinnerungsstücke aus dem Besitz der Zeitzeugen.

Die anonymisierten Materialien können über die Forschungsdatenplattform „RADAR“ des FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur abgerufen werden. Das Angebot richtet sich hauptsächlich an Forschende aus Geschichte, Soziologie, Linguistik und angrenzenden Disziplinen. Auch Medien, Museen und andere Kultureinrichtungen können auf die Interviewtranskripte und weitere Materialien zugreifen.

Weitere Informationen: https://www.geschichte.uni-halle.de/struktur/neuzeit/forschungsprojekte/dokumentationsprojekt/

 

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