Erziehungswissenschaftlerin der MLU in Heisenberg-Programm aufgenommen
Wie entsteht Wissen im Unterricht, wie wird es mit Geltung ausgestattet? Wie wird Fachwissen in mĂŒndlichen PrĂŒfungen an UniversitĂ€ten generiert und validiert? Diesen Fragen geht Dr. Tatyana Tyagunova in ihrer Forschung im Detail nach. âFachliches Lernen ist in soziale Interaktionen eingebettet. In jeweils konkreten Unterrichts- oder PrĂŒfungssituationen entscheidet sich, was als Wissen gilt und was nicht. Bislang ist diese soziale Praxis in der Erziehungswissenschaft aber noch nicht ausreichend erforschtâ, sagt die Forscherin.
Im Rahmen der Heisenberg-Förderung wird sich Tyagunova dem Thema in drei Teilvorhaben widmen. Das erste Teilprojekt untersucht auf Basis von Videodaten, wie formale Interaktionsstrukturen und inhaltliche Lernprozesse im Grundschulunterricht zusammenhĂ€ngen. HierfĂŒr greift sie auf eine umfangreiche Videostudie zurĂŒck: Aufgenommen wurden 37 Deutsch- und Mathematikstunden in dritten Klassen in Sachsen-Anhalt und Hessen. Da jede Unterrichtsstunde mit bis zu 17 Kameraperspektiven aufgezeichnet wurde, umfasst das Korpus etwa 480 einzelne Videos. Das zweite Teilprojekt analysiert Audio- und Videoaufnahmen von mĂŒndlichen PrĂŒfungen im Lehramtsstudium und geht der Frage nach, wie in verschiedenen FĂ€chern Wissen erzeugt, bewertet und legitimiert wird. Das dritte Teilprojekt bĂŒndelt die Ergebnisse der vorherigen Vorhaben und entwickelt ein ĂŒbergreifendes analytisches und theoretisches Konzept fĂŒr die Frage, durch welche Praktiken und Mechanismen jenes Wissen her- und sichergestellt wird, das in Schule und Hochschule als zu lernende Inhalte und Lernstoff gilt.
Die gebĂŒrtige Belarussin Tyagunova studierte Psychologie und SozialpĂ€dagogik an der Belarussischen Staatlichen UniversitĂ€t Minsk und am Institut fĂŒr Hochschule in Minsk. Von 2004 bis 2011 war sie an der Belarussischen Staatlichen UniversitĂ€t Minsk als wissenschaftliche Mitarbeiterin tĂ€tig. AnschlieĂend wechselte die Forscherin mit einem Promotionsstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an die MLU, an der sie in verschiedenen Forschungsprojekten mitarbeitete. 2016 wurde sie hier promoviert. Von 2023 bis 2024 vertrat sie fĂŒr zwei Semester eine Professur fĂŒr Erziehungswissenschaft an der UniversitĂ€t Kassel.
Das Heisenberg-Programm der DFG ist nach dem Physiker Werner Heisenberg benannt, der mit 31 Jahren den Nobelpreis fĂŒr Physik erhielt. Das Programm dient der Förderung etablierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die bereits alle Voraussetzungen fĂŒr den Ruf auf eine Professur erfĂŒllen. Die Forschenden erhalten die Möglichkeit, ambitionierte Forschungsprojekte an einem Ort ihrer Wahl umzusetzen und so ihr wissenschaftliches Profil weiter auszubauen.
