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Bundestagswahl 2017: Hallesche Forscher untersuchen Emotionen im TV-Duell

Nummer 099/2017 vom 24. August 2017
Gelächelt wird bei TV-Duellen eher selten. Stattdessen überwiegen neutrale Gesichtsausdrücke, wie beim TV-Duell zur Bundestagswahl 2013 zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück. Merkel bemühte sich außerdem häufig um einen freundlich-fröhlichen Ton, Steinbrück zeigte sich als Herausforderer leidenschaftlicher und angriffslustiger. Das hat ein Forscherteam der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) mit Hilfe moderner Analysesoftware herausgefunden. Die Studie zeigt außerdem, dass ein gewinnendes Lächeln und eine freundliche Stimme nicht ausreichen, um die Gunst des Publikums zu gewinnen. Im Gegenteil.

Das diesjährige TV-Duell zur Bundestagswahl am 3. September 2017 ist für die Spitzenkandidaten Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) ein wichtiger Termin. Hier haben sie noch einmal die Möglichkeit, sich und ihre Partei einem großen Publikum vorzustellen. "Von besonderem Interesse ist für beide Kandidaten die Gruppe der Unentschiedenen, die noch nicht wissen, welche Partei sie zur Bundestagswahl wählen", sagt die Politikwissenschaftlerin Dr. Kerstin Völkl von der MLU. Gemeinsam mit ihrer Arbeitsgruppe hat sie die Rolle von Emotionen der Spitzenkandidaten im TV-Duell zur Bundestagswahl 2013 untersucht.

Bisherige Studien zu TV-Duellen hätten vor allem den Inhalt der Sendungen und die Wahrnehmung seitens der Rezipienten analysiert, so Völkl. Die Forschergruppe aus Halle wählte einen anderen Aspekt: Mit Hilfe moderner Software zur Gesichtserkennung und Stimmauswertung analysierten die Forscher die Mimik und Sprechweise von Angela Merkel und Peer Steinbrück während des TV-Duells. Politiker würden Emotionen bewusst einsetzen, um diese im Idealfall auf das Publikum zu übertragen, so Völkl: "Deshalb zeigen Politiker in der Regel positive Emotionen."

Bei der Computeranalyse der Mimik zeigte sich, dass beide Kontrahenten etwa 80 Prozent der Zeit einen neutralen Gesichtsausdruck hatten. An zweiter und dritter Stelle rangierten ein freudiger und ein trauriger Gesichtsausdruck bei Merkel sowie eine verärgerte und eine freudige Mimik bei Steinbrück. "Beide Kandidaten wollen überwiegend seriös wirken. Gemäß ihrer Rolle als Amtsinhaberin möchte Merkel für sich und ihr bisheriges Programm werben und setzt dabei auf eine Mimik, die Zustimmung hervorrufen soll", fasst Völkl zusammen. Als Herausforderer wolle Steinbrück eine gewisse Ablehnung gegenüber der Regierung zum Ausdruck bringen. Beide Kandidaten vermieden es, überrascht oder ängstlich zu wirken, weil dies ein Zeichen für Schwäche sei.

In einem zweiten Schritt analysierte das Forscherteam die Sprechweise der Kanzlerkandidaten im TV-Duell. "Beide sprechen überwiegend mit einem positiven Ton. Merkel gibt sich besonders fröhlich und freundlich. Steinbrück dagegen spricht leidenschaftlicher und charismatischer als die Kanzlerin", fasst Völkl zusammen. Auffällig sei, dass Merkel hin und wieder ihre Verärgerung über eine Äußerung ihres Kontrahenten oder der TV-Moderatoren nicht verbergen könne.

Die Forscher wollten außerdem herausfinden, ob Mimik und Sprechweise einen Einfluss auf die Wahrnehmung beim Publikum hatten. Dazu verknüpften sie ihre erhobenen Daten mit denen der "German Longitudinal Election Study", einer Studie zum Wahlverhalten, bei der die Teilnehmer unter anderem während des TV-Duells kontinuierlich die beiden Kontrahenten bewerten sollten. Zusätzlich wurden die Versuchsteilnehmer auch nach ihren Wahlabsichten befragt. In der Verbindung der beiden Datensätze zeigte sich, dass der Einfluss von Mimik und Sprechweise auf die Bewertung der beiden Politiker eher gering ist. Lächelte einer der beiden Kandidaten, zog das also nicht automatisch eine positive Bewertung seitens des Publikums nach sich: Bei Angela Merkel sorgte eine freundliche Mimik tendenziell sogar für schlechtere Bewertungen - insbesondere vom gegnerischen und neutralen Lager. Grundsätzlich erhielten beide Kandidaten von ihren jeweiligen potentiellen Wählern mehr positive Bewertungen und mehr Ablehnung von den politisch anders Gesinnten. Einen "Amtsbonus" für Merkel konnten die Forscher bei den Unentschiedenen nicht beobachten: Steinbrück erhielt von dieser Gruppe deutlich mehr positive Bewertungen als Merkel.

Ihre Studie hat die hallesche Forschergruppe auf der "PolkommTagung 2017" in Jena vorgestellt. Dabei handelt es sich um eine gemeinsame Veranstaltung des Arbeitskreises "Politik und Kommunikation" der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, der Fachgruppe "Kommunikation und Politik" der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und der Fachgruppe "Politische Kommunikation" der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft.

 

Das TV-Duell zur Bundestagswahl 2017 findet am 3. September 2017 um 20.15 Uhr statt und wird auf den Sendern in der ARD, im  ZDF, auf RTL und Sat.1 übertragen. Die Bundestagswahl findet am 24. September statt.

 

An der Universität Halle erforschen mehrere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedene Aspekte der Bundeswahl. Eine Übersicht mit Ansprechpartnern finden Sie im Expertendienst: http://bit.ly/mlu-bundestagswahl

 

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